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director's note
 
 

Ephraim Broschkowski

Der Globalisierung ein Gesicht geben

 
„Globalisierung“ – ein Wort wie eine Wüste und an sich schon ein Widerspruch: Was bitte ist „Weltisierung“? War die Welt nicht immer eine Welt? Trotzdem: Etwas verändert sich seit wenigen Jahrzehnten, aber was? Was ist jetzt neu an dieser einen Welt und wie kann der Filmemacher diese neue Qualität, die mit dem Wort „Globalisierung“ bezeichnet wird, emotional erfahrbar machen? Das habe ich mich oft gefragt.
 
Es gibt Filme, die das geschafft haben, die sich eindrucksvoll mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Viele von ihnen spielen allerdings irgendwo in der Welt, dort, wo die Konsequenzen unseres hiesigen Handelns offenbar werden. Sie belegen unsere Verantwortung für Missstände auf der Südhalbkugel der Erde: bedrückend, bedauerlich, empörend, aber weit weg, exotisch genug, um zu empfinden: Globalisierung passiert immer den anderen.
 
Aber was bedeutet Globalisierung für uns, für die, die immer auf der Seite der Gewinner oder auch Ausbeuter standen? Welche Konsequenzen branden in unsere Lebenswirklichkeit? Mit welchem mentalen Rüstzeug ziehen wir in die kleiner gewordene Welt, und wie kommt diese neue Welt vor unsere Haustür, wie prägt sie unseren Alltag?
Dazu findet sich jenseits von „Gürtel enger“-Parolen, Sachverständigen und Statistikwüsten wenig.
 
Die Antwort auf viele dieser Fragen ist einfach – und schwäbisch: Tuttlingen.
 
Tuttlingen – das ist die Medizintechnikbranche, von der einfachen Tuchklemme bis hin zum Highend-Endoskop. Selten habe ich eine Region gesehen, die so mit einer einzigen Branche verwachsen ist, bis in ihre Kultur, in ihre öffentlichen Räume hinein. Das hat mich von Anfang an fasziniert. Hier kennt jeder irgendjemanden, der in dem Bereich arbeitet. Um es drastisch auszudrücken: Würden die OPs dieser Welt geschlossen, würde in Tuttlingen der Notstand ausbrechen. Und würde Tuttlingen von der Landkarte verschwinden, sollten Sie besser gesund bleiben. Dass das nie passieren wird, zeigt auf der anderen Seite, wie ausgezeichnet sich Medizintechnik als Beispiel für ein weltweit wichtiges Gut eignet. Sie ist Tuttlingens Leitbranche, und sie verändert sich im Zuge der internationalen Verflechtungen des Güterverkehrs.
 
Dabei ist die Medizintechnik ein weites Feld, vom einfachen Handwerk bis hin zur Hightech-Fertigung, vom kleinen Einzelunternehmer bis hin zum multinationalen Konzern. In unmittelbarer Nachbarschaft. Mit Gesichtern zu diesen Marktgrößen. Es sind vor allem diese Menschen, die mich bei meiner Recherche tief bewegt haben.
So wie Ausbeutung ein Thema der Globalisierung ist, ist es auch die Selbstausbeutung. Da trifft man einen Konzernchef, seit 40 Jahren im Amt, und noch immer ist er um 5 Uhr morgens der Erste und abends um 22.00 Uhr einer der letzten. Tradition und Moderne. Man trifft den Handwerker, über achtzig Jahre alt, und erkennt in ihm und seinem Umfeld etwas, das man selbst vielleicht noch aus Kindheitserinnerungen von den Großeltern kennt, was sich hier, aufgrund der besonderen Bedingungen konserviert hat, aber bald nicht mehr sein wird. Das Fremde, das Eigene. Das Regionale als Trutzburg gegen weltweite Prozesse, auf die die Nationalstaaten kaum mehr Einfluss haben. Firmen gehen ins Ausland, ausländische Firmen kommen her. Es gibt Haudegen, Miesepeter, Emporkömmlinge, die Jugend und das Alter – und alles aufs engste verbunden mit der Branche.
In Anlehnung an den Begriff „Das globale Dorf“ trifft auf Tuttlingen die Bezeichnung „Die globale Kleinstadt“ zu.
 
Die schwäbische Mentalität hat auch etwas Hermetisches – nur, weil sie Maultaschen mögen, sind die Schwaben noch lange keine Plaudertaschen. Man sagt lieber ein Wort zu wenig als eins zuviel und redet über persönliche Dinge nicht, wenn man nicht muss. Und das Geschäftle, das ist im protestantischen Schwabenland zutiefst persönlich.
 
Nur, weil man etwas erzählen kann, muss es noch lange nicht erzählt werden. Interessiert sich der Kinobesucher für Tuttlingen?
 
Ich glaube, das Regionale hat im Kino seinen unbedingten Platz, heute mehr denn je. Das Regionale ist nicht nur ein Fundus für Geschichten und spannende Eigenarten, eine begrenzte Bühne, auf der sich viel Dramatisches ausmachen lässt, es ist auch, womit sich der Kreis schließt, eine Antwort auf das, was man mit Globalisierung bezeichnet: Das Regionale ist ein Solidaritätsprinzip auf einer sehr fassbaren Ebene und eine Schatzkammer an Strategien und mentalen Haltungen, die in diesen Zeiten der Überstaatlichkeit wieder von besonderem Interesse sind und neue Bedeutung erlangen– weit über ein regionales Publikum hinaus

Ich freue mich auf den Film!"

 

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